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Forderungspapier der Bundesschülerkonferenz zur mentalen Gesundheit von Schüler*innen

I. Ausgangslage: Psychische Gesundheit ist Voraussetzung für Bildung

Immer mehr Schüler*innen in Deutschland leiden unter psychischer Belastung – von Überforderung, Leistungsdruck, Stress und sozialen Ängsten bis hin zu manifesten Erkrankungen wie Depressionen, Essstörungen oder Suizidgedanken. Die Zahl junger Menschen mit psychischen Erkrankungen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen – und das Schulsystem reagiert bislang unzureichend. Laut dem Deutschen Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung aus dem Jahr 2023 geben 60 % der Lehrkräfte an, dass psychische Auffälligkeiten bei Schüler*innen zunehmen.¹ Gleichzeitig sehen sich 78 % der Lehrkräfte nicht ausreichend ausgebildet, um mit solchen Belastungen umzugehen.¹

Auch die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigt, dass seit Beginn der Corona-Pandemie über ein Drittel aller Schüler*innen unter psychischen Belastungen leidet – vor allem infolge von Einsamkeit, Zukunftsängsten und schulischem Druck.² Kinder und Jugendliche zeigen laut Studie signifikant häufiger depressive Symptome, Schlafstörungen, Essprobleme und psychosomatische Beschwerden.²

Dramatisch ist auch der Anstieg der Suizidraten: Laut Statistischem Bundesamt nahmen sich im Jahr 2023 insgesamt 195 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren das Leben.³ Das sind fast vier junge Menschen pro Woche – ein gesellschaftlicher Notstand.
Dennoch sind Unterstützungsangebote für Schüler*innen in Deutschland weder flächendeckend noch systematisch verfügbar. Schulpsycholog*innen sind unterbesetzt, Wartezeiten auf Therapieplätze liegen oft bei mehreren Monaten. Gleichzeitig fehlt die schulische Aufklärung über mentale Gesundheit, psychische Erkrankungen bleiben tabuisiert und Lehrkräfte sind oft überfordert. Wir, als Bundesschülerkonferenz, sagen: Mentale Gesundheit muss zur bildungspolitischen Priorität werden.

II. Unsere Forderungen im Überblick

Aus der bestehenden Beschlusslage der Bundesschülerkonferenz (Stand: März 2025) ergeben sich acht zentrale Forderungsbereiche:

1. Bundesweite Ausstattung aller Schulen mit Mental-Health-Fachkräften

An jeder Schule soll mindestens ein*e vollzeitäquivalente*r Schulpsychologe*in pro 300 Schüler*innen verfügbar sein. Auch eine Schulsozialarbeitsstelle auf 150 Schüler*innen muss zur Verfügung gestellt werden. Außerdem müssen Mental-Health-Coaches nach dem BMFSFJ-Modell flächendeckend eingesetzt und langfristig finanziert werden. Die Existenz und Zusammenarbeit multiprofessioneller Teams (Psycholog*innen, Sozialarbeitende, Sonderpädagog*innen) muss strukturell abgesichert und gesetzlich verankert werden.

2. Psychische Gesundheit als Querschnittsthema in allen Lehrplänen

Psychische Gesundheit darf kein Nebenthema bleiben. Sie muss verbindlich und altersgerecht in den Lehrplänen aller Schulformen verankert werden – z. B. in Biologie, Sozialkunde, Ethik oder Lebensgestaltung. Unterrichtseinheiten zu Stressbewältigung, Emotionsregulation, Resilienz und Prävention psychischer Erkrankungen müssen bundesweit verpflichtend werden. Auch projektorientierte Formate wie Mental-Health-Tage oder -Wochen sollen systematisch gefördert werden.

3. Fortbildungen für Lehrkräfte und schulisches Personal

Alle Lehrkräfte und schulischen Fachkräfte müssen verpflichtend und regelmäßig zu den Themen psychische Gesundheit, Krisenintervention, Gesprächsführung und Entstigmatisierung fortgebildet werden. Ein entsprechendes Modul muss bundesweit in die Lehramtsausbildung aufgenommen werden.

4. Schulstrukturen entlasten – Belastungsfaktoren reduzieren

Dauerhafter Leistungsdruck gefährdet die Gesundheit. Schulpolitische Reformen müssen Stressfaktoren abbauen: z. B. durch eine Neustrukturierung der Bewertungssysteme, kleinere Klassen, ausreichend Pausen, differenzierte Ganztagskonzepte und mehr individuelle Förderung. Auch die digitale Belastung muss durch Medienbildung und digitale Pausenkultur gezielt adressiert werden.

5. Neurodiversität anerkennen und fördern

Schulen müssen zu lernfördernden Orten für alle werden – auch für neurodivergente Schüler*innen mit ADHS, Autismus, Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Dyskalkulie. Wir fordern bundeseinheitliche Nachteilsausgleiche, individuelle Förderpläne und verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte zum Thema Neurodiversität.

6. Schutzkonzepte gegen Mobbing, Diskriminierung und psychischen Druck

Jede Schule braucht ein verbindliches Schutzkonzept gegen Mobbing, Cybermobbing, Rassismus, Queerfeindlichkeit und andere Diskriminierungsformen. Ein sicherer Ort entsteht nicht durch Appelle – sondern durch klare Strukturen, anonyme Beschwerdemechanismen und diversitätssensible Schulentwicklung.

7. Sichtbarkeit schaffen – Gedenkkultur ermöglichen

Psychische Erkrankungen, Suizidalität und seelisches Leid dürfen nicht weiter verschwiegen werden. Wir fordern bundesweite Gedenkformate – etwa durch regelmäßige Schweigeminuten, Gedenkaktionen oder Aufklärungsveranstaltungen. Der Suizid von jungen Menschen ist keine Randnotiz – sondern ein gesellschaftliches Versagen.

8. Einführung eines Zertifikats „Psychisch gesunde Schule“

Wir fordern die Entwicklung eines bundesweit einheitlichen Zertifikats „Psychisch gesunde Schule“. Dieses Siegel soll Schulen auszeichnen, die strukturell, pädagogisch und personell Standards für psychische Gesundheitsförderung erfüllen – als Motivation, Qualitätsmerkmal und politisches Instrument.

III. Fazit

Psychische Gesundheit ist keine Privatsache. Sie ist Voraussetzung für Entwicklung, Bildung, Teilhabe und Selbstbestimmung. Wir fordern: Lasst uns nicht länger mit guten Worten vertrösten – wir brauchen klare Strukturen, verbindliche Maßnahmen und politische Verantwortung. Wir, als Bundesschülerkonferenz, fordern eine Schule, die schützt statt überfordert – und stärkt statt krank macht.

UNS GEHTS NICHT GUT !

aber wir kämpfen für Besserung!

Fußnoten / Quellen

1. Robert Bosch Stiftung: Deutsches Schulbarometer 2023 – Repräsentative Befragung von Lehrkräften, https://www.bosch-stiftung.de/de/publikation/deutsches-schulbarometer-befragung-von-schuelerinnen
2. Ravens-Sieberer, U. et al. (2022): COPSY-Studie – COVID-19 und psychische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen, UKE Hamburg. https://www.uke.de/kliniken-institute/institute/kinderschutz/copsy-studie.html
3. Statistisches Bundesamt (Destatis): Todesursachenstatistik 2023 – Suizide bei Kindern und Jugendlichen, https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/_inhalt.html

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