Dies ist eine alte Version des Dokuments!
UNS GEHT’S GUT? – Warum mentale Gesundheit ein grundlegender Baustein der Bildung und Gesellschaft ist
Die psychische Gesundheit von Schüler*innen hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der drängendsten bildungspolitischen und gesellschaftlichen Herausforderungen entwickelt. Studien und Erhebungen zeigen übereinstimmend, dass immer mehr junge Menschen unter Stress, Überforderung und psychischen Erkrankungen leiden. Das deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung verzeichnet von 2024 zu 2025 einen Anstieg der Kinder und Jugendlichen, welche sich als psychisch belastet beschreiben – nicht mehr jede/r fünfte Schüler*in sondern jede/r Vierte. Die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ zeigt, dass im Jahr 2026 sogar knapp 1/3 aller Befragten professionelle Hilfe wollen, um ihren Anforderungen gerecht zu werden. Auch die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf verdeutlicht, dass seit der Corona-Pandemie ein erheblicher Anteil von Kindern und Jugendlichen unter psychischen Belastungen leidet – insbesondere durch Einsamkeit, Zukunftsängste und schulischen Druck. Auch außerhalb des Schulrahmens ist die mentale Gesundheit von Schüler*innen von Bedeutung.
Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in alarmierenden gesellschaftlichen Trends wider: Psychische Erkrankungen treten bereits im Jugendalter vermehrt auf, und die Zahl der jungen Menschen, die an Depressionen, Angststörungen oder psychosomatischen Beschwerden leiden, steigt kontinuierlich. Besonders erschütternd ist der Anstieg von Suiziden unter jungen Menschen, der die Dringlichkeit politischen Handelns eindrücklich unterstreicht.
Was diese Studien und Erhebungen auch immer wieder aufzeigen: Schule nimmt in diesem Kontext eine Schlüsselrolle ein. Sie ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern auch ein zentraler Lebensraum, in dem junge Menschen einen Großteil ihrer Zeit verbringen. Eine einzige Person, der sich Schüler*innen anvertrauen kann einen lebensentscheidenden Unterschied machen. Auch das Thema der Selbstwirksamkeit ist zentral. Jugendliche wollen Verantwortung übernehmen, sind politisch interessiert und sind laut dem Schulbarometer auch davon abhängig, dass sie selbstwirksam sind, um mental gesund zu sein. Die Mitbestimmung im Kontext Schule wird von Jugendlichen selbst als zu gering eingeschätzt, während Lehrkräfte diese, insbesondere bei der Unterrichtsmitgestaltung, als ausreichend wahrnehmen. Neben der Beteiligung und resultierenden Selbstwirksamkeit ist die mentale Gesundheit stark vom sozioökonomischen Hintergrund, insbesondere vom Thema Armut abhängig. Jugendliche aus vorbelasteten Haushalten scheinen verstärkt an psychischen Erkrankungen zu leiden. Schule stellt vor allem für diese, aber in vielen Punkten auch generell, ein Risikofaktor dar: Leistungsdruck, soziale Konflikte, Mobbing oder fehlende Unterstützungssysteme können Belastungen verstärken. Das ist der falsche Ansatz: Schule muss ein Schutzfaktor darstellen. Dieser zentralen Bedeutung wird bisher nicht nachgekommen und es fehlt bislang an flächendeckenden, strukturierten und ausreichend finanzierten Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit im schulischen Kontext. Unterstützungsangebote sind häufig unzureichend ausgebaut, Prävention findet zu selten systematisch statt und das Thema bleibt vielfach tabuisiert.
Das heißt im Umkehrschluss, dass psychische Gesundheit nicht länger als individuelles Problem betrachtet werden darf, sondern als gesamtgesellschaftliche und insbesondere bildungspolitische Aufgabe verstanden werden muss. Das zeigt sich insbesondere in den gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen für das gesamte Land, wenn wir weiterhin nicht handeln: Bis 2036 gehen rund 20 Millionen Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen in Rente. Schon heute ist klar: Das Arbeitskräftepotenzial schrumpft spürbar, während immer weniger junge Leute nachrücken. Heute sind nur etwa 22 Prozent der Bevölkerung unter 25 Jahre alt – jeder einzelne junge Mensch wird gebraucht, um Rente, Wirtschaft und öffentliche Infrastruktur zu sichern. Psychische Erkrankungen sind längst ein relevanter volkswirtschaftlicher Faktor. Sie gehören zu den häufigsten Ursachen für Krankheitskosten und verursachen allein im Gesundheitswesen jährlich Ausgaben von über 63 Milliarden Euro. Für Unternehmen bedeutet das Produktivitätsverluste, für Krankenkassen steigende Behandlungskosten und damit unnötig hohe Beitragssätze, die wiederum Deutschland als Wirtschaftsstandort belasten. Prävention bei jungen Menschen ist daher nicht nur eine Frage von Fürsorge, sondern auch eine Investition in die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Jede vermiedene Erkrankung spart langfristig immense Kosten – und erhält die Leistungsfähigkeit der kommenden Generation.
Ob im Beruf, in der Politik oder im Gemeinwesen: Trotz aller Belastungen möchten Kinder und Jugendliche zuversichtlich in die Zukunft blicken. Sie sind gewillt, Leistung zu bringen, sich zu beteiligen und Verantwortung zu tragen – ein Potenzial, dass unsere Gesellschaft dringend braucht. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung liegt die Engagementquote der jungen Generation bei fast 47 Prozent – deutlich über dem Bevölkerungsdurchschnitt. Das zeigt: In uns jungen Menschen steckt enormes Potenzial. Es lohnt sich, in uns zu investieren. Als Bundesschülerkonferenz fordern wir daher, den mentalen Herausforderungen von Kindern und Jugendlichen die dringend notwendige Aufmerksamkeit zu widmen und endlich zielführende, umfangreiche Maßnahmen starten und durchführen, um die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu retten.
Unsere Forderungen im Detail
Um die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu verbessern, braucht es in verschiedenen Bereichen der Schule und Bildung Anpassungen. Um diese strukturiert darzustellen, sind sie in drei Säulen gegliedert. Hierbei ist jedoch stets zu bedenken, dass alle drei ineinander verwoben sind und keine Säule isoliert betrachtet werden kann. Alle Forderungen stehen unter dem Grundsatz, dass Schule als zentraler Ort der mentalen Gesundheit von Schüler*innen anerkannt wird, mit offizieller Anerkennung als besonderer Schutzfaktor. Dabei muss sich Schule als Ort der Prävention, aber insbesondere der Gesundheitsförderung verstehen, um dieser Schutzaufgabe gerecht zu werden. Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess ab, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und damit durch personale, soziale und materielle Ressourcen zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen (Empowerment). Sie will Lebenswelten gesundheitsförderlich mit den gegebenenfalls Betroffenen gestalten, nach dem Prinzip der Salutogenese („Was macht den Menschen gesund?“). Sie agiert nach sieben Grundprinzipien:
- Autonomie und Empowerment
- Partizipation
- Lebenswelt und Lebensweltbezug (inkl. Setting-Ansatz und Sozialraumorientierung)
- gesundheitliche Chancengleichheit
- Konzeptbasierung mit SMART-Ziele nach aktuellem wissenschaftlichem Standard
- Evaluation
- Nachhaltigkeit (Ziel: möglichst langfristige Wirkung auch über die konkrete Maßnahme hinaus)
Nach diesen sieben Grundsätzen muss auch Schule agieren, wenn sie die Resilienz von Schüler*innen aufbauen soll. Das muss allumfassend geschehen, sowohl im Unterricht als auch als Teil der Vermittlung aber auch als Teil des Selbstverständnisses dieses sozialen Raumes.
Säule I – Unterrichtsgestaltung und Vermittlung der Inhalte
- Grundlagen
- Inhalte
- Medienkompetenz
- (Schul-)Sport
Der Gesundheitszustand einer Person ist von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren abhängig. Gesundheit und Krankheit bewegen sich immer in einem Spektrum (auch Gesundheits-Krankheits-Kontinuum) und können für jede Person unterschiedlich aussehen. Insbesondere sind dieses Kontinuum und das Gesundheitsgefühl davon abhängig, ob das Gefühl vorherrscht, die Anforderungen des Lebens bewältigen zu können oder nicht. Wie bereits in der Situationsbeschreibung erläutert, haben viele Kinder und Jugendliche aktuell nicht das Gefühl, den Anforderungen gerecht zu werden. Dieses Gefühl lässt sich nur minimieren, wenn Schüler*innen lernen, wie sie Situationen und Anforderungen bewältigen können, wie sie widerstandsfähig sein können und damit wie sie resilient sind.
Um Resilienz nachhaltig in Schulen zu lehren und zu lernen, muss das Thema in den weiterführenden Schulen, in allen Schularten, -formen und Jahrgängen aufgenommen und thematisiert werden. Hierbei darf die Aufgreifung nicht nur in einem Fach erfolgen, sondern muss in multiplen Fächern in Verbindung mit verschiedenen anderen Themenbereichen, die auch auf das Thema Einfluss haben, geschehen. Das bedeutet: Mentale Gesundheit muss als Querschnittsthema in Schulen etabliert werden.
Durch diese Etablierung als Querschnittsthema soll die Akzeptanz psychischer Erkrankungen steigen, um Betroffene zu ermutigen, sich frühzeitig Hilfe zu suchen. Besonders für Schüler*innen, die zu Hause traumatische Erfahrungen machen oder von anderen psychosozialen Risikofaktoren betroffen sind, sind Schulen oft die erste Anlaufstelle. Eine unterstützende Haltung sowie das nötige Wissen, um in solchen Fällen angemessen reagieren zu können, sind daher essenziell.
Die Aufklärung im Unterricht soll vor allem der (primär) Prävention dienen und damit über Risikofaktoren aufklären. Dabei ist es essenziell, dass Schüler*innen dazu befähigt werden, über mentale Gesundheit zu sprechen. Dazu gehört es, in dem Kontext viel verwendete und wichtige Begriffe zu erklären. Nur wer sein Problem benennen kann, kann an Lösungen arbeiten oder eine Situation vermeiden, bevor sie zur akuten Gefahr oder Krankheit führt. In diesem Kontext ist es wichtig beispielsweise über Stressbewältigung, Resilienz, Ernährung, Entspannungstechniken, körperlichen Ausgleich und die Entstehung von Gesundheit und Krankheit zu sprechen. Dabei muss die Prävention als Teil der Gesundheitsförderung verstanden werden.
Es ist nicht zu ignorieren, dass Medien und insbesondere die sozialen Medien einen Belastungsfaktor für Kinder und Jugendliche darstellen. Die gehen mit einem stetigen Vergleichsdruck, dauerhaften Informationsfluten und unterschwelligen Algorithmen zusammen, die stetig eine Abhängigkeit und suchtähnliches Konsumverhalten fördern. Damit Kinder und Jugendliche einen gesunden Umgang mit diesen Medien lernen, ist ein reines, pauschales Verbot zu kurz gedacht. Es bedarf tatsächlicher Medienkompetenz, die tiefgreifend erklärt, welche Systeme dahinterstehen, wie man sich abgrenzt, wie man recherchiert und sich vor Gefahren im Netz schützen kann.
Zeitgleich muss auch darüber aufgeklärt werden, dass Medien einen Schutzfaktor in sich tragen: Sie können helfen, sich gesehen zu fühlen oder neue soziale Gruppen erschließen. Auch diese positiven Aspekte müssen beleuchtet werden. Die Grundlage muss auch hier sein, Medienkompetenz in allen Fächern aufzugreifen und nicht nur als Aufgabe des Informatikunterrichtes. Das Ziel hinter der Medienkompetenz muss sein, Schüler*innen zu aufgeklärten und resilienten User*innen zu erziehen, die sich sicher im Internet bewegen können.
Schulsport ist ein zentraler Bestandteil ganzheitlicher Bildung. Bewegung fördert nicht nur körperliche Gesundheit, sondern stärkt auch mentale Widerstandskraft, Teamfähigkeit und soziale Kompetenzen. Dennoch erleben viele Schüler*innen den Sportunterricht nicht als Quelle von Motivation, Gesundheit und Gemeinschaft, sondern als Ort von Leistungsdruck, Demütigung und Angst.
Ein moderner, pädagogisch verantwortungsvoller Schulsport darf kein Ort der Bewertung und Bloßstellung sein. Sportnoten gehören abgeschafft. Stattdessen muss der Fokus auf Freude an Bewegung, persönlicher Entwicklung und gemeinschaftlichem Erleben liegen. Ein zeitgemäßer Sportunterricht soll die Vielfalt körperlicher Ausdrucksformen anerkennen, Gesundheit und Wohlbefinden in den Mittelpunkt stellen und für alle Schüler*innen zugänglich, sicher und wertschätzend gestaltet werden.
Das bedeutet, dass Schule nach den folgenden Grundsätzen Sport unterrichten muss:
- Motivation statt Demotivation – Bewegung ohne Notendruck
- Abwechslung und Vielfalt statt Wiederholung und Einseitigkeit
- Teamgeist, Fairness und Inklusion als Leitprinzipien
- Gesundheit und Körperbewusstsein im Fokus
- Keine Bloßstellung, kein Zwang, keine Angst
- Schulsport als Schutzfaktor für mentale Gesundheit
- Partizipation und Mitgestaltung durch Schüler*innen
Dieser Antrag wird an dieser Stelle von der aktuellen Beschlusslage zum Thema Sport ergänzt.
3. Ausgestaltung von Unterricht und Unterrichtsinhalten
- Beteiligung und Partizipation
- Individualität
- Druck reduzieren, Ausgleiche schaffen
„Im Vergleich zu Kindern und Jugendlichen mit geringem schulischem Wohlbefinden berichten jene mit mittlerem oder hohem schulischem Wohlbefinden in vielen Bereichen, deutlich mehr mitbestimmen zu können.“ So stellt das deutsche Schulbarometer 2026 fest, dass Partizipation essenziell für schulisches Wohlbefinden ist, welches wiederum direkt die mentale Gesundheit von Schüler*innen beeinflusst. Diese Erhebung macht deutlich, was zu tun ist: Schüler*innen müssen endlich mitbestimmen dürfen, wenn wir tatsächlich die Resilienz fördern wollen. Das muss für den Bereich der Schulgestaltung, Notengebung, Unterrichtsgestaltung und Prüfungen gelten.
Wenn Schüler*innen in diesen Bereichen mitgestalten, ist es zu erwarten, dass der klassische Frontalunterricht nur stark vermindert zum Einsatz kommt. Viele Schüler*innen wünschen sich offenere, binnendifferenzierte Lernangebote, die dazu führen, das eigene Lerntempo zu berücksichtigen. Hierbei muss es immer um die einzelne Klasse oder Lerngruppe gehen, und die ihre individuellen Bedürfnisse voranstellen und umsetzen kann.
Damit einher geht auch, dass Schüler*innen mitentscheiden sollen, wie Prüfungen stattfinden und inwiefern diese bewertet werden. Auch hier muss mit Schüler*innen gemeinsam eine passende Lösung gefunden werden und es sollen keine generalisierten, für alle geltenden Prüfungsformate geben.
Des Weiteren müssen Schüler*innen die Gestaltung ihres Schulraumes mitbestimmen. Je nach Art und Weise des Lernens braucht es unterschiedliche Ressourcen und Ausstattung, die entsprechend gestellt werden muss. Im Anschaffungs- und Einrichtungsprozess muss weiterhin partizipiert werden können.
Durch diese Beteiligung von Schüler*innen können wahre Selbstwirksamkeitserfahrungen geschaffen werden, welche die Resilienz stärken.
Wenn Partizipation umgesetzt und aus gesundheitsfördernder Perspektive das Individuum gefördert wird, muss Schule automatisch eine individuelle Förderung ermöglichen. Dabei müssen Stundenpläne individuell erstellt und gestaltet werden. Hier sind vor allem chronische Erkrankungen und Neurodiversität zu beachten.
Chronische Erkrankungen können dazu führen, dass die Lernfähigkeit von Schüler*innen innerhalb kurzer Zeit stark variieren kann. Trotzdem dürfen diejenigen keine strukturelle Benachteiligung erfahren, sondern müssen in dem Rahmen ihrer Möglichkeiten mitgenommen werden.
Auch beim Thema Neurodiversität müssen Schule inklusiver werden. Eine Neurodivergenz kann das Lern- und Sozialverhalten stark beeinflussen. Um dieser Herausforderung im Schulalltag angemessen begegnen zu können, müssen neurodivergente Schüler*innen in einem für sie passenden Umfeld lernen können.
Um diese individuelle Förderung gut umsetzen zu können und den Schulalltag für alle Schüler*innen passend gestalten zu können, bietet sich vor allem der Ganztag an. Im Rahmen des verpflichtenden Anspruches auf Ganztag ab Sommer 2026 eröffnet sich die Möglichkeit, Schüler*innen flächendeckend ganztags zu unterrichten und in diesem Rahmen mehr Möglichkeiten für Mitbestimmung der Ganztagsausgestaltung und der individuellen Lerngestaltung zu ermöglichen. Ganztag muss hierbei als Chance für die Steigerung der mentalen Gesundheit angesehen werden.
Auch die Gemeinschaftsschule kann einen essenziellen Beitrag leisten. Durch jahrgangsübergreifendes Lernen kann eine Durchmischung der Lernniveaus und Alter zu einem offeneren Umgang miteinander führen und individuelleres Lernen, mit Schüler*innen gleichen Niveaus ermöglichen. So werden neue soziale Gruppen erschlossen und der Druck eine bestimmte Geschwindigkeit beim Lernen zu erbringen reduziert.
Das System der Ziffernoten ist längt überholt: Sie reduzieren die Leistungen von Schüler*innen auf nichtssagende Zahlen, erzeugen Druck und Unsicherheit und geben kaum Feedback darüber, wie man sich wirklich verbessern kann. Für starke Feedbackkultur und wirklichen Fortschritt braucht es authentische Einschätzung, statt Angst vor Noten. Die Noten führen des Weiteren zu einem besonderen Leistungsdruck, welcher besonders starke mentale Symptome hervorruft.
Bewertungen und Feedback im schulischen Kontext müssen eine ausführliche Rückmeldung zum Lernstand sowie individuelle Stärken und Schwächen geben. Die Bewertung soll reflektiert werden und den Schüler*innen persönliche Defizite und Fortschritte aufzeigen. Ziffernoten können diesem Anspruch nicht gerecht werden und stellen subjektive Bewertungen nicht sicher.
Einschätzungen und Bewertungen in Form von Ziffernoten sollen daher langfristig gänzlich abgeschafft werden. Rückmeldungen zu Leistungen und Lernstandsentwicklungen sollen stattdessen durch kontinuierliches Feedback durch die Lehrkräfte realisiert werden. Leistungen sollen ausführlich schriftlich eingeschätzt werden. Zusätzlich sollen Feedbackgespräche geführt werden. Zeugnisse sollen in Textform ausgestellt werden. Um mehr Transparenz herzustellen, sollen Bewertungsmaßstäbe vor Erbringung der Leistung kommuniziert werden.
Leistungserhebungen sollen nicht punktuell Fachwissen abfragen. Stattdessen soll es vermehrt Prozessbewertungen und Kompetenztests geben. Allgemein soll ein Fokus auf die Vermittlung fächerübergreifender Kompetenzen gelegt werden. Prüfungen müssen lebensnaher gestaltet werden und alternative Formate wie Open-Book-Klausuren sollen gefördert werden.
Kopfnoten sollen abgeschafft werden. Feedback zu Sozialverhalten und Lerneinstellung soll kontinuierlich schriftlich und mündlich von den Fachlehrkräften gegeben werden. Ein umfassendes Feedback soll mindestens halbjährlich, losgelöst vom Zeugnis, übergeben werden.
Für das aktuelle System der Ziffernnoten, fordern wir für die Vergabe ebendieser als Bewertung einer Leistung einen fairen Rahmen mit weniger Leistungsdruck.
Es braucht verbindliche Regelungen für das Maximum an möglichen Leistungskontrollen an einem Tag bzw. in einer Woche sowie für Ankündigungs- und Rückgabezeiträume. Die aktuellen rechtlichen Regelungen bieten keine sichere Grundlage für die Schüler*innen. Darüber hinaus muss für mehr Transparenz bei der Bewertung von Leistungen hergestellt werden. Die Beschlüsse der Fachkonferenz bezüglich Bewertungsmaßstäben und sonstigen Regelungen diesbezüglich müssen offen kommuniziert und jederzeit einsehbar sein. Außerdem müssen auch die Lehrkräfte für mehr Transparenz bei der Bewertung von Leistungen geschult werden und bspw. Erwartungshorizonte, zu erreichende BE oder Schwerpunkte für die Schüler*innen und andere Fachlehrkräfte transparent machen.
Um Schüler*innen mit Lernschwächen oder anderen möglichen leistungseinschränkenden Krankheiten o.Ä. fair zu bewerten, müssen Nachteilsausgleiche und Notenschutze stärker etabliert werden. Nachteilsausgleiche sollen für anerkannte Nachteile (bspw. Legasthenie), Dyskalkulie, körperliche und geistige Einschränkungen, sowie für Neurodivergenzen und andere psychische Erkrankungen, wenn noch nicht geschehen, ausgearbeitet und kontinuierliche evaluiert werden. Um eine faire Bewertung zu erreichen, müssen Bewertungsmaßstäbe an die Nachteile individuell angepasst werden. Zudem sollen Notenschutze Nachteile, die diese nicht durch einen Nachteilausgleich ausgeglichen werden, genutzt werden, um Schüler vor schlechten Bewertungen durch ihre Beeinträchtigung zu schützen.
Auch in beruflichen Schulen soll zukünftig auf eine neue Feedbackkultur und alternative Methoden der Leistungsbewertung zu Ziffernoten gesetzt werden. Bis diese Umstellung vollbracht ist, soll in der dualen Berufsausbildung in der schulischen Bildung bei der Bewertung in den einzelnen Fächern ein Fokus auf die Fertigkeiten gelegt werden, die es tatsächlich für den Beruf in der Praxis benötigt.
Säule II – Schulkultur und Personal
- Schulkultur
- Lehrkräfte
- Multiprofessionelle Teams
Eine gesundheitsförderliche Schulkultur ist ein zentraler Baustein für die mentale Gesundheit von Schüler*innen und basiert auf einem positiven, wertschätzenden Miteinander, das durch gegenseitigen Respekt, Vertrauen und Zugehörigkeit geprägt ist. Forschung aus der Bildungs- und Gesundheitspsychologie zeigt, dass insbesondere erlebte soziale Unterstützung und ein gutes Schulklima signifikant zur Reduktion von Stress, Angst und depressiven Symptomen beitragen. Schulen sollten daher gezielt Strukturen schaffen, die Selbstwirksamkeit ermöglichen, etwa durch echte Mitbestimmung und demokratische Prozesse im Schulalltag, denn das Gefühl, gehört zu werden und Einfluss nehmen zu können, stärkt nachweislich Resilienz und Motivation.
Eine offene Feedbackkultur, in der konstruktive Rückmeldungen in beide Richtungen selbstverständlich sind, fördert zudem Vertrauen und Lernbereitschaft. Ebenso wichtig ist eine kooperative Lern- und Arbeitskultur, die Zusammenarbeit in den Vordergrund stellt, da kooperative Settings soziale Eingebundenheit stärken.
Fragen wie eine weniger formelle Ansprache (z. B. das Duzen) können dabei helfen, Hierarchien abzubauen und Beziehungsgestaltung zu erleichtern, sofern sie sensibel und gemeinsam ausgehandelt werden. Zentral ist außerdem ein pädagogischer Umgang mit Fehlern, der „Scheitern“ als Lernchance begreift, da eine solche Fehlerkultur nachweislich Angst vor Bewertung reduziert und die intrinsische Motivation fördert.
Eine inklusive und integrierende Ausrichtung durch Einbezug, die Vielfalt anerkennt und Diskriminierung aktiv entgegenwirkt, trägt ebenfalls wesentlich zum psychischen Wohlbefinden bei. Nicht zuletzt zeigen Studien, dass auch strukturelle Maßnahmen wie kostenloses, ausgewogenes Essen einen positiven Einfluss auf Konzentration und Leistungsfähigkeit haben. Insgesamt erfordert eine gesunde Schulkultur ein Verständnis von Schule als Lebensraum, in dem Lernen, Wohlbefinden und soziale Entwicklung untrennbar miteinander verbunden sind.
Lehrkräfte nehmen im schulischen Alltag eine zentrale Rolle für die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ein. Sie sind oft die ersten und wichtigsten Ansprechpersonen, wenn Belastungen auftreten, und tragen somit eine besondere Verantwortung. Um dieser gerecht werden zu können, muss bereits im Studium eine umfassende Sensibilisierung für mentale Gesundheit erfolgen. Themen wie Risikofaktoren, Neurodivergenz, Diversität sowie die Bedeutung von Teamarbeit sollten dabei verbindlich verankert sein.
Darüber hinaus ist es unerlässlich, dass Lehrkräfte regelmäßig an Fort- und Weiterbildungen teilnehmen, um stets auf dem aktuellen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse zu bleiben. Mentale Gesundheit ist ein dynamisches Feld, in dem kontinuierlich neue Forschungsergebnisse entstehen, die in den schulischen Alltag integriert werden müssen. Lehrkräfte müssen befähigt werden, Anzeichen frühzeitig zu erkennen und angemessen zu handeln.
Gleichzeitig darf nicht außer Acht gelassen werden, dass auch Lehrkräfte selbst hohen Belastungen ausgesetzt sind. Daher ist es ebenso wichtig, ihre eigene Resilienz zu stärken und ihnen entsprechende Unterstützungsangebote zur Verfügung zu stellen. Eine regelmäßige Auseinandersetzung mit dem Thema mentale Gesundheit sollte daher nicht nur auf die Schüler*innen bezogen sein, sondern auch die Lehrkräfte selbst einschließen.
Diese Anforderungen müssen für alle Wege in den Lehrberuf gelten. Insbesondere bei Seiten- und Quereinsteiger*innen ist sicherzustellen, dass entsprechende Qualifizierungen und Sensibilisierungen verbindlich vorgesehen sind, um eine gleichbleibend hohe Qualität im Umgang mit mentaler Gesundheit an Schulen zu gewährleisten.
Um eine umfassende Betreuung von Schüler*innen gewährleisten zu können, sind multiprofessionelle Teams besonders wichtig. An vielen Schulen existieren schon teilweise unterrichtsexterne Unterstützungsstrukturen wie Schulsozialarbeiter*innen. Allerdings muss sichergestellt werden, dass Schulsozialarbeiter*innen und schulpsychologische Dienste nicht durch eine zu große Schüler*innenanzahl überlastet werden. Somit sollte ein*e Schulsozialarbeiter*in für nicht mehr als 150 und ein/e Schulpsychologe*in für nicht mehr als 1000 Schüler*innen zuständig sein.
Auch bedarf es der Entlastung von Lehrkräften durch weitere Unterstützungsstrukturen. Zum Beispiel sollten IT und Verwaltung von weiteren schulischen Kräften übernommen werden, auch unterstützt von studentischen Hilfskräften, unter anderem auch studentische Hilfskräfte. Mental Health Coaches können auch fachlich einen großen Mehrwert bringen und Lehrer*innen in ihrer Arbeit mit den Schüler*innen unterstützen. Mit solchen Kräften würde man klare Zuständigkeiten schaffen, ein so wichtiges Thema tiefgründig in der Schule anzugehen. Auch können externe Anbieter*innen in der Zusammenarbeit mit Schule einen großen Mehrwert bieten. Workshops zu bspw. Mobbing, Medienkompetenz und Neurodiversität fördern das Verständnis der Schüler*innen für ihre eigene mentale Gesundheit. Besonders erfolgreich können solche Projekte im fachlich begleiteten Peer-to-Peer-Ansatz sein. Ebenfalls sind Eltern ein wichtiger Teil der Schulfamilie und müssen in allen Bereichen mitgedacht werden.
Regelmäßige Besprechungen und Weiter- bzw. Fortbildungen können eine ständige Weiterentwicklung schaffen und sorgen für eine bestmögliche Qualität der Angebote zur Förderung der mentalen Gesundheit.
Säule III – Schulgestaltung und Qualitätssicherung
- Raumgestaltung
- Schule als Lebensort denken
- Kinder- und Jugendschutzkonzept
- Qualitätssicherung
Aktuell sind die Schulen ein Ort, an dem sich Schüler*innen nicht wohlfühlen. Zu oft ist das nicht nur von sozialen, sondern auch von Gestaltungs- und Einrichutungsfaktoren abhängig. Das zeigt sich insbesondere am aktuellen Sanierungsbedarf an Schulen, obwohl diese eigentlich einen Wohlfühlort darstellen müssen. Nur wer sich wohlfühlt, kann gut Lernen und Resilienz entwickeln.
Um das zu erreichen, müssen Schulen mit Bedarf saniert werden. Zudem muss die allgemeine Gestaltung von Schulen neu gedacht werden: Von Schüler*innen für Schüler*innen. Sie müssen selbst mitgestalten, und entscheiden, wie ihreRäumlichkeiten und Außengelände aussehen. Dabei wollte ermöglicht werden, Räume offener zu gestalten, das Tageslicht besser zu nutzen und auch durch weitere Gestaltungsmöglichkeiten, wie bspw. Pflanzen, das Raumgefühl zu verbessern. Darüber hinaus müssen Schulen barrierefrei zugänglich sein, um Schüler*innen mit physischen und psychischen Erkrankungen gerecht zu werden.
Eine Schule als Lebensort – so stellen wir als Bundesschülerkonferenz uns diesen in der Jugend so zentralen Ort vor. Der Ort Schule sollte viel mehr soziale Kontakte zwischen den Schüler*innen fördern und als Lebensraum über den Unterricht hinaus dienen. In AGs und durch Schüler*innen selbst organisierten Projekten kann genau das gelingen: frei und selbstbestimmt gemeinsam die Zeit nach dem Unterricht gestalten. Seien es Diskos, Plena oder betreute Lernräume – so viel ist möglich. Schule hat ein so großes Potential, welches dringend besser ausgeschöpft werden muss, da es eine Infrasturkutr darstellt, die ungenutzt bleibt.
So können gerade im ländlichen Raum immer öfter fehlende Jugendclubs zumindest zum Teil ersetzt werden. Besonders wichtig ist hierfür ein auch später am Tag regelmäßig verkehrender ÖPNV besonders wichtig. Es ist als unhaltbaren Missstand zu betrachten, dass Schüler*innen durch fehlende Busse zu späteren Uhrzeiten als dem regulären Unterricht von der Teilnahme an solchen Angeboten ausgeschlossen werden. Zweifelsohne zeigen sich stabile und umfangreiche soziale Kontakte als starker Faktor in der mentalen Gesundheit von Schüler*innen und jungen Menschen generell. Gerade deshalb muss darauf geachtet werden, hier möglichst alle zu inkludieren und selbstbestimmt mitarbeiten zu lassen.
Jede Schule muss ein verbindliches Schutzkonzept entwickeln, das die physische und mentale Gesundheit der Schüler*innen schützt und stärkt. Ziel ist es, strukturelle Probleme wie Leistungsdruck, Diskriminierung oder fehlende Unterstützung frühzeitig zu erkennen und gezielt anzugehen. Das Konzept soll über organisatorische Maßnahmen hinausgehen und präventive Programme, etwa gegen Mobbing und Ausgrenzung, fest verankern. Dazu gehört auch die altersgerechte Aufklärung über Themen wie Neurodiversität, um Verständnis zu fördern und Benachteiligung vorzubeugen.
Ein zentraler Bestandteil ist die Zusammenarbeit mit externen Expert*innen und Beratungsstellen, da Schulen die Anforderungen im Bereich psychischer Gesundheit nicht allein bewältigen können. Zur Früherkennung psychischer Belastungen sind klare Kommunikationsstrukturen notwendig. Eine offene Gesprächskultur, feste Ansprechpersonen und transparente Meldewege ermöglichen es Schüler*innen, sich frühzeitig Hilfe zu suchen. Gleichzeitig soll das Schutzkonzept regelmäßig überprüft und weiterentwickelt werden, damit Schule langfristig ein sicherer Ort bleibt, der die Gesundheit aller Schüler*innen nachhaltig stärkt.
Zur Sicherung einer angemessenen Qualität des Umgangs von Schulen mit mentaler Gesundheit soll das Siegel „Gesunde Schule“ mit dem Schwerpunkt „psychische Gesundheit“ eingeführt werden. Dieses Siegel soll Schulen auszeichnen, die strukturell, pädagogisch und personell Standards für psychische Gesundheitsförderung erfüllen – als Motivation, Qualitätsmerkmal und politisches Instrument.
UNS MUSS ES GUT GEHEN!
Die mentale Gesundheit von Schüler*innen ist kein Randthema, sondern ein zentraler Bestandteil von Bildung und gesellschaftlicher Entwicklung. Sie steht in enger Wechselwirkung mit anderen Bildungsbereichen wie der ökonomischen und politischen Bildung sowie der Bildung für nachhaltige Entwicklung und beeinflusst diese nachhaltig. Schule muss daher konsequent als Schutzfaktor gedacht und gestaltet werden – als ein Ort, an dem sich alle Schüler*innen sicher, unterstützt und wohlfühlen können.
Es wird deutlich: Der Handlungsbedarf ist groß. Strukturelle Herausforderungen wie Leistungsdruck, unzureichende Unterstützungssysteme und fehlende Sensibilisierung wirken sich unmittelbar auf die psychische Gesundheit aus und müssen gezielt adressiert werden. Dafür braucht es eine systematische, datengestützte Weiterentwicklung schulischer Maßnahmen sowie langfristig gesicherte finanzielle Ressourcen durch den Bund.
Gleichzeitig ist eine klare strategische Steuerung erforderlich, bei der der Bund Impulse setzt und die Länder diese verbindlich umsetzen. Entscheidend ist dabei die aktive Mitgestaltung durch Schüler*innen und der Vertretungsstruturen, um die Perspektiven der Betroffenen einzubeziehen.
Um eine nachhaltige Verbesserung zu erreichen, ist ein umfassender „Pakt für mentale Gesundheit“ notwendig, der über bestehende Initiativen hinausgeht. Die Einrichtung einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe, einer Enquetekommission und eines runden Tisches kann hierfür den strukturellen Rahmen bieten. Voraussetzung für den Erfolg all dieser Maßnahmen ist eine echte, verbindliche Partizipation.
Nur durch ein koordiniertes, ganzheitliches und langfristig angelegtes Vorgehen kann Schule zu einem Raum werden, der die mentale Gesundheit von Schüler*innen nicht nur schützt, sondern aktiv stärkt. Das Motto muss die Zielstellung sein: UNS GEHT’S GUT!
